EN 9120 – Luftfahrtnorm für Händler und Lagerhalter

Was ist die EN 9120?

Die EN 9120 ist eine Norm für Händler und Lagerhalter (Distributors) in der Luftfahrt, Raumfahrt und Verteidigung. Deren Wesensmerkmal ist ein Fokus auf die besonderen Anforderungen dieser Branche. Zugleich verzichtet die Norm dort, wo dies möglich ist, auf typische Vorgaben für klassische Produktionsbetriebe.
Um sich nach der EN 9120 zertifizierten zu lassen, ist nicht ausschlaggebend, wie hoch der Anteil der betrieblichen Wertschöpfung in der Luftfahrt, Raumfahrt oder Verteidigung ist. Entscheidend ist vielmehr, dass der zu zertifizierende Betrieb Merkmale von Händlern oder Lagerhaltern aufweist und dabei nicht zugleich auch verarbeitende Tätigkeiten vornimmt. Während Chargentrennung, Zuschnitte und Konservierungen erlaubt sind, führen bereits kleine herstellungs- oder instandhaltungsbetriebliche Aufgaben (z.B. Montage oder Veredelungen) zu einem Ausschluss von der EN 9120 und erfordern einen Wechsel auf die EN 9100 bzw. EN 9110.

In deutscher Sprache ist die Luftfahrtnorm als DIN EN 9120:2018 erhältlich. Es gibt neben der deutschen DIN Fassung eine internationale Ausgabe (englische Übersetzung) mit der Bezeichnung EN 9120:2018. Diese wird über die European Aerospace Quality Group (EAQG) herausgegeben. Inhaltlich sind die deutsche und die englische Ausgabe identisch und daher untereinander gleichwertig. Dies gilt im Übrigen auch für die amerikanische AS 9120 der Society of Automotive Engineers (SAE) und der JISQ 9100 der Japanese Aerospace Quality Group. In Deutschland gibt es Stand 2019 etwa 120 Betriebsstandorte, mit einer Zertifizierung nach der Luftfahrtnorm DIN EN 9120:2018, weltweit sind es knapp 1.800.

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Welche Anforderungen kennzeichnen die EN 9120?

Die DIN EN 9120:2018 enthält vollständig die DIN EN ISO 9001:2015. Die ergänzenden Anforderungen der Luft- und Raumfahrtindustrie sind im Normentext in Fettdruck und Kursivschrift dargestellt. Das Delta ist daher deutlich von den klassischen ISO 9001er Bestandteilen zu unterscheiden. Wesentliche Ergänzungen der DIN EN 9120:2018 gegenüber der ISO 9001:2015 sind z. B. Anforderungen an:

  • das Konfigurationsmanagement,
  • das Bewusstsein der Mitarbeiter,
  • den Umgang mit gefälschten Teilen und Teilen zweifelhafter Herkunft,
  • die Dokumentation und Nachweisführung,
  • Arbeitsverlagerungen,
  • den Umgang mit Non-Conformities,
  • die Kennzeichnung und Rückverfolgbarkeit,
  • die Lieferantenüberwachung und Lieferantenkommunikation,
  • die Prozess- und Kundenzufriedenheitsmessung sowie die Verfolgung der Zielerreichung über die sog. PEAR Formblätter.

Durch diese Erweiterungen der ISO 9001 rückt die EN näher an die luftrechtlichen Verordnungen der EASA (insbesondere die Implementing Rules zum Part 21 und Part 145) heran. Dennoch bleiben aber erhebliche Unterschiede. Während nämlich die EN vor allem die Kundenzufriedenheit und Prozessorientierung in den Fokus stellt, liegt der Schwerpunkt der EASA-Bestimmungen auf dem Sicherheitsaspekt.

Aufgrund der zahlreichen Branchenspezifika ist für Betriebe, die sich neu nach einer Luftfahrtnorm zertifizieren lassen möchten, die Hinzuziehung eines Luftfahrt-erfahrenen Beraters sehr ratsam. Als Branchenneuling ist es deutlich aufwendiger, ohne Expertenunterstützung eine Zertifizierung zu erlangen. Es fehlt nicht nur luftfahrtindustrielles Fachwissen. Meist mangelt es auch an Know-how für die Interpretation und betriebliche Umsetzung der Normenanforderungen. Mühen bereitet auch der Umgang mit den PEAR-Vorgaben zur Prozessmessung, die nicht in der EN 9120:2018, sondern nur in der EN 9101 beschrieben sind.

Nicht zuletzt müssen Betriebe, die eine Zertifizierung als Händler und Lagerhalter in der Luftfahrt, Raumfahrt und Verteidigung anstreben, ohne externe Unterstützung die Denk- und Prüfweise des Zertifizierungsauditors selbst einschätzen lernen. Diese Erfahrungen werden jedoch erst im Audit gewonnen, sodass binnen kurzer Zeit oft viele Defizite behoben werden müssen.

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Wo gibt es Trainings zur EN 9120?

Zur DIN EN 9120:2018 gibt es im deutschsprachigen Raum keine offenen Trainings. Grund ist eine zu geringe Marktnachfrage. Die Qualifizierung findet über die EN 9100 statt. Als führender Anbieter für die EN 9100er Reihe bietet AeroImpulse jedoch individuelle Inhouse-Trainings zur DIN EN 9120:2018 an. Mehr Informationen erhalten Sie auf unser Trainingsseite.

Unterschiede zwischen EN 9100 und EN 9120

Insgesamt beträgt die Deckungsgleichheit zwischen der EN 9100:2018 und der EN 9120:2018 etwa 80 Prozent. Gegenüber der „normalen“ Luftfahrtnorm EN 9100 enthält die EN 9120 für Händler und Lagerhalter vor allem ergänzende Anforderungen

  • zum Umgang mit Teilen zweifelhafter Herkunft,
  • zur Aufbewahrung,
  • zu elektronischen gesicherten dokumentierten Informationen sowie mit herkunftsnachweisenden Dokumenten,
  • an die Auslieferung, insbesondere nach Produktteilungen.

Auf der anderen Seite sind die luftfahrttechnischen Anforderungen der EN 9120:2018 gegenüber der EN 9100:2018 zu folgenden Anforderungsfeldern gestrichen bzw. deutlich reduziert:

  • Produktionsplanung und Steuerung,
  • Entwicklung,
  • Risikomanagement,
  • Produktsicherheit,
  • Validierung spezieller Prozesse,
  • Erstmusterprüfung (First Article Inspection – FAI).

Warum verlangen Kunden eine Zertifizierung nach EN 9120?

Die luftfahrtindustriellen Normen der EN 9100er Reihe haben eine hohe Attraktivität sowohl für Airbus als auch für die 1-tier Supplier, also die Airbus-Direktzulieferer der ersten Ebene, die von ihren Lieferanten im Normalfall den Nachweis einer EN-Zertifizierung einfordern. Mit Hilfe der Luftfahrtnorm EN 9100, EN 9110 oder EN 9120 weisen diese nämlich die Qualitätsfähigkeit ihrer Zulieferer auf Basis eines einheitlichen QM-Systems gegenüber ihren Luftfahrtbehörden oder ihren eigenen Kunden nach. Zugleich können die Konzerne ihre Aufwände gerade bei der Vor-Ort-Überwachung in Form von Lieferantenaudits reduzieren. Für die Konzerne ergibt sich daraus der Vorteil, dass sie ihre Lieferantenüberwachung teilweise outsourcen. Das EN-Zertifikat dient dem Lieferanten dabei als ein wichtiger Nachweis für die eigene Qualitätsfähigkeit gegenüber Kunden.

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Ablauf eines Zertifizierungsaudits

Informationen zum Ablauf des Zertifizierungsaudits werden in einem eigenen Beitrag anhand der EN 9100 dargestellt. Wenn Sie den ungefähren Aufwand für eine Einführung der EN 9120 abschätzen möchten, dann können Sie auf der rechten Seite dieser Website unsere EN 9100 Checkliste kostenlos downloaden. Diese eignet sich auch für die Luftfahrtnorm für Händler und Lagerhalter.

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Entstehung der EN 9100er Normenreihe

Aufbauend auf dem ISO 9001 Standard entwickelten sich Ende der 1990er-Jahre mehrere branchenspezifische Normen, in denen ergänzende Anforderungen der jeweiligen Industrien berücksichtigt wurden. Neben der DIN EN 9100 für die Luftfahrtindustrie haben sich so z.B. auch die ISO/TS 16949 für den Automobilbau und die TL9000 für die Telekommunikation herausgebildet. Diese Nischennormen entstanden meist aus Qualitätsvereinbarungen, die dominierende Marktteilnehmer (z. B. Airbus, die Telekom bzw. die Automobilhersteller) ihren Zulieferern abverlangten.

Begünstigt wurde die Entwicklung dadurch, dass basierend auf solchen Individualvereinbarungen auch Branchenverbände Qualitätsstandards parallel bzw. ergänzend zur ISO 9001 herausgaben. So hatten die Airbus-Qualitätsvorgaben in den 1990er-Jahren lange vor Erstveröffentlichung der EN 9100 maßgeblichen Einfluss auf die vom Bundesverband der Deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie e.V. (BDLI) für ihre Mitglieder herausgegebenen Qualitätsrichtlinien. Diese bildeten ihrerseits später die Grundlage für die Entwicklung der branchenspezifischen DIN EN 9100.

Überdies leistete die Veröffentlichung der amerikanischen AS9100, die der EN 9100 gleichwertig ist, kurz vor der Jahrtausendwende einer Publizierung eigener Luftfahrtnormen auf europäischer Ebene erheblichen Vorschub. Als unmittelbare Folge wurde 2003 die EN 9100 als erste zertifizierbare Norm der Luftfahrt, Raumfahrt und der Verteidigung für Konstruktion, Entwicklung, Produktion, Montage und Wartung durch das Europäische Komitee für Normung (CEN) veröffentlicht. 2005 folgten dann die DIN EN 9110 für Instandhaltungsbetriebe sowie die DIN EN 9120 für Händler und Lagerhalter. Im Jahr 2009 und 2016 wurden alle drei Luftfahrtnormen nochmals erheblich revidiert.

Die Aufsicht über diese Norm hat dabei die International Aerospace Quality Group (IAQG) sowie die European Aerospace Quality Group (EAQG) mit deren Hilfe die europäischen Interessen vertreten werden. In der EAQG nimmt der Bund der deutschen Luftfahrtindustrie (BDLI) die Aufgaben für hiesige Betriebe wahr.